Gigs - posted on November 25, 2012 by

Berlin, die Vierte

Was, schon zum vierten Mal Berlin? Die Johnnys? Röschtöösch! Alles klar, denkt man sich da. Da weiß man, was läuft. Da macht einem keiner mehr was vor. Und dann findet man sich auf einmal sprachlos, mit einer Marschtrommel vor dem Wanst, von Cowboys umringt, im Funkenhagel einer Flex, im Atomschutzbunker aus dem Kalten Krieg, mit einem Bier auf der Straße, über dem wärmenden Abluftschacht einer U-Bahnstation. Doch alles der Reihe nach.

Der Anlass der Reise bedarf wohl keiner näheren Ausführung. Wirklich nicht. Also gut, noch einmal, aber nur damit. es. wirklich. auch. jeder. mitbekommen. hat: Wir waren für eine Sendung die Band im Schrank bei Joko und Klaas. Studio in Berlin, Schrank auf, Ausrasten, pipapo, Ihr wisst Bescheid.
Hinter der Bühne, kurz vor Beginn der Sendung treffen wir auf Joko und Klaas. Als gut informierter Vollprofi weiß Klaas den armen Gitarrenlurchi schon mit dem ersten Satz auf stumm zu schalten. Er kenne ihn – aus der Badischen Zeitung. Lurchi kennt Klaas auch schon – aus dem Fernsehen. Weiß er aber gerade nicht mehr. Stattdessen große Augen und hängende Kiefer bei den Johnnys. Das lässt auf kompetente Recherchefüchse in der Redaktion von neoparadise schließen. Und messerscharf Kombinieren können die: Vor laufender Kamera den Transfer „Badische Zeitung bedeutet Baden bedeutet Baden-Baden“ zu leisten und so den Herkunftsort der Band zu ermitteln… Hier zeigt sich, warum das Moderatorenduo zurecht Gewinner beim Deutschen Frensehpreis wurde.

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Schön, dass man sie dann doch noch überraschen kann: Schlagzeuger fristen bei Schrankbands üblicherweise ein stiefmütterliches Dasein. Für ein ganzes Schlagzeug ist im Schrank kein Platz, und wenn, dann nur wenn es sich um eine One-Man-Band handelt. Also werden Schlagzeuger oft mit Behelfsinstrumenten versorgt: Trömmelchen, Rasseln, Glöckchen oder Drumsets aus Luft. Nicht mit uns. Drummer Julian fasst sich ein Herz, schnürt sich die dickste aufzutreibende Marschtrommel vor die Plautze und lässt solch einen Lärm erschallen, dass zeitweise das Playback nicht mehr zu hören ist. Das Studio am Beben! Hat er fein gemacht, der Julian.
Der Schrank, wie gewünscht mit reichlich CDs, T-Shirts und Postern dekoriert, macht ordentlich was her und lädt zum shoppen ein. Ist er nicht schön, der Schrank? Ruft er nicht förmlich „Kommen näher, Freund, sieh dir die schönen Dinge an! Nimm mit, was dir gefällt…“? Vermutlich nicht so ganz. Doch müssen wir bei den Mitarbeitern von neoparadise doch reichlich Eindruck hinterlassen haben, denn kaum sind die Kameras aus, fehlen unsere CDs. Am Schrank und auf dem Tisch. Potzblitz, das gibt’s doch gar nicht! Gehen wir mal davon aus, dass sie dort gut aufgehoben sind.

Abends will man sich die Sendung natürlich ansehen. Nur wo? Beim Italiener um die Ecke! Beamer? Check. Reciever? Check. Bier? Check. Schnaps? Check. ZDFneo? Fuck. Also ins Hostel. Fernseher? Check. ZDFneo? Ach, lassen wir das… Am Ende gibts die Sendung per Live-Stream, aber ohne Sound. Den liefert das Smartphone mit ein paar Sekunden Verzögerung. Ab zum Abendschoppen ins White Ttrash.

Tags darauf: Geschichtsstunde. Einmal Kalter Krieg und zurück. Ein U-Bahnhof, der im Ernstfall zum Schutzbunker bei einem Atomangriff umfunktioniert wird. In der Stadt gab es Anlagen für insgesamt 30.000 Personen. Und was ist mit den restlichen 2.970.000? Wir lassen die Eindrücke sacken und genehmigen uns ein Bier unter freiem Himmel. Der scharfe Ostwind bläst uns um die Ohren. Dankbar stellen wir uns über einen U-Bahn-Abluftschacht und wärmen die steifen Glieder.

Doch genug der Tristesse: Für den Abend steht wieder einmal ein Konzertchen im White Trash auf dem Plan. Beim mittlerweile vierten Gig in diesen heiligen Hallen kann eigentlich nix mehr schief gehen. Tut es auch nicht. Prima Laden, prima Crowd. Nur der Stagedive geht etwas in die Hose. Die nachfolgende Band „White Cowbell Oklahoma“ unterhält im Anschluss die Meute mit Rock’n’Roll, kanadischem Kauderwelsch, Cowboyhüten und massig spezialeffekten: Funkenflug durch Flex auf Kuhglocke, Stichflammen aus der Sprühflasche, haufenweise Klopapier – mit der Kettensäge abgerollt und in den Raum gewirbelt.

Am nächsten Tag wieder auf die Autobahn. Zeit genug, die Eindrücke zu verarbeiten und sich weiterer Erkenntnisse bewusst zu werden:
Im Fernsehen sieht alles größer aus, als es in Wirklichkeit ist.
Augenringe von durchwachten Nächten lassen sich in der Maske prima wegzaubern.
HD-TV ist total blöd. Vor allem aus Sicht der Maskenbildner.
Wenn man Grafikdesigner Jan nachts um 3:25 abholt muss man nicht leise sein. Der Güterzug neben dem Haus übertönt alles. Er war 240 Meter lang.
Jan kann keine Betten beziehen.
Asiatische Kioskbetreiber mögen es nicht, wenn man sie bei der Arbeit filmt.
Don Zigarrinos Stagedive ging nicht nur IN, sondern auch AN die Hose, wenn man dem Verfasser einer Fan-Mail drei Tage später glauben darf.
Johnny On-The-Spot schreibt ab jetzt wieder mehr Boogie-Songs.

Dann mal los!